Die Lebenshilfe will eine Schule für alle gründen

Artikel aus dem Buxtehuder Tageblatt vom 16.5.2019
geschrieben von Anping Richter

BUXTEHUDE. Die Lebenshilfe Buxtehude will eine Schule gründen, in der die Idee der Inklusion von Anfang an konsequent gelebt werden kann. Im Sommer 2020 könnte die erste Klasse in den Räumen der Tagesbildungsstätte starten. Ziel ist der Aufbau einer staatlich anerkannten Privatschule.

Jedes Kind ist ein besonderes Kind und verdient eine Schule, die es darin unterstützt, sein Potenzial bestmöglich zu entfalten – davon ist Iris Wolf, Geschäftsführerin der Lebenshilfe Buxtehude, überzeugt. In einer inklusiven Schule, die alle Kinder aufnimmt, unabhängig von ihren körperlichen, intellektuellen, sozialen, emotionalen oder sprachlichen Fähigkeiten, wäre das aus ihrer Sicht am besten umzusetzen. Doch obwohl die Inklusion an Schulen in Niedersachsen 2013 offiziell eingeführt wurde, sieht sie noch große Lücken zwischen diesem Anspruch und der Realität. „In einer Schule, die ihre Schüler von vornherein in Schubladen sortiert, ist echte Inklusion nicht möglich“, sagt Wolf.

„Jedes Kind dort abzuholen, wo es steht, ist das Beste für alle Kinder, ob mit oder ohne Beeinträchtigung. Die Hirnforschung bestätigt das.“ Iris Wolf, Lebenshilfe Buxtehude Aus dieser Erfahrung heraus ist bei der Lebenshilfe Buxtehude die Idee entstanden, eine eigene Schule zu gründen – eine Schule für alle, in der Vielfalt willkommen und individuelles Lernen von Anfang an selbstverständlich ist. Wo die erste Klasse starten könnte, steht schon fest: In der Tagesbildungsstätte an der Apensener Straße in Buxtehude, auch Kalle-Gerloff-Schule genannt, die ausreichende und geeignete Räumlichkeiten bietet. Sie wäre die erste Tagesbildungsstätte in Niedersachsen, die sich nach und nach in eine inklusive Schule umwandelt. Gespräche mit dem Landkreis dazu gab es bereits, berichtet Iris Wolf: „Dort findet unsere Idee Unterstützung.“ Erste Fachgespräche gab es auch schon mit dem Schulamt der Stadt Buxtehude, mit Schulleitern aus Buxtehude und mit Politikern aller Fraktionen.
Nun rückt die Schulgründung in greifbare Nähe: Die Schule, die mit einer ersten Klasse ab einer Größe von zwölf Kindern starten könnte, würde eine private Grundschule mit vier Schuljahrgängen in freier Trägerschaft, die staatlich anerkannt werden soll. In den ersten drei Jahren müsste sich die Schule frei finanzieren, erst danach würden Zuschüsse des Landes fließen. Wolf ist zuversichtlich, für diese erste Zeit Töpfe und Möglichkeiten zur Finanzierung zu finden. Damit es wirklich eine Schule für alle werden kann, dürfe das Schulgeld nicht zu hoch sein, sagt Iris Wolf: „Es darf nichts Elitäres werden, das passt nicht zu uns.“ Das Gründungsteam der Lebenshilfe um Sabrina Schwarz und Michael Hoffmann hat sich einige Vorbilder angesehen und ist überzeugt, dass das möglich ist. Um wirklich inklusiv zu arbeiten, sollte die Schule außerdem die Vielfalt der Gesellschaft abbilden, sagt Iris Wolf. Deshalb sollte der Anteil an Kindern mit Beeinträchtigung 30 Prozent nicht übersteigen. Die Kinder würden nicht im 45-Minuten-Takt und, abgesehen von der Start-Klasse, auch nicht unbedingt in altershomogenen Klassen arbeiten, sondern idealerweise in altersübergreifenden Lerngruppen. Jedes Kind in seinem Tempo, das in verschiedenen Bereichen durchaus unterschiedlich sein kann. Das Kerncurriculum für Grundschulen würde dabei eingehalten.

Die Tagesbildungsstätte der Buxtehuder Lebenshilfe, auch „Kalle-Gerloff-Schule“, soll bald zur inklusiven Schule werden. Foto Richter

Bei der Lebenshilfe wird schon lange mit Hochdruck über Zukunftsmodelle nachgedacht: Zum 1. Januar 2020 greift das Bundesteilhabegesetz. Für die Finanzierung der Tagesbildungsstätte wird das Sozialamt des Kreises anstelle des Landes zuständig; der Abbau von Sondereinrichtungen für Behinderte steht im Raum.

Aktuell hat die Tagesbildungsstätte 60 Schüler, die aber nicht alle im Gebäude unterrichtet werden, sondern auch in Koop-Klassen an anderen Schulen. Durch die Neugründung würde die Tagesbildungsstätte sukzessive zur inklusiven Schule.

Vorbilder sind die Otfried-Preußler-Schule und die Mira-Lobe-Schule in Hannover, die früher Förderschulen waren. Die Mira-Lobe-Schule wurde 2012 als erste inklusive Grundschule gegründet und baut inzwischen die Oberschulklassen auf.

Dort unterrichten jeweils zwei Kräfte in Lerngruppen mit 18 Kindern, darunter maximal sechs Förderschüler. Es gibt weit mehr Anmeldungen als Kapazität, weil Eltern behinderter und nicht behinderter Schüler gleichermaßen die kleinen Lerngruppen und die intensive Betreuung schätzen. „Unsere heutige Regelschule ist strukturell noch immer militärisch geprägt“, sagt Iris Wolf. Die Gesellschaft von morgen benötige ganz andere Fähigkeiten – vernetzte Arbeit im Team und kreatives Denken seien gefragt, um mehr zu bieten als die Künstliche Intelligenz. In der Schule der Zukunft müsse es um Potenzialentfaltung gehen. „Jedes Kind dort abzuholen, wo es steht, ist das Beste für alle Kinder, ob mit oder ohne Beeinträchtigung. Die Hirnforschung bestätigt das“, sagt Iris Wolf.

Räumlich könnte die erste Grundschulklasse an der Apensener Straße sofort starten – Bewegungs- und Differenzierungsräume gibt es genug. Gesucht werden jetzt eine Grundschul- und eine Förderlehrkraft. Sie sollten Pioniergeist und Lust haben, mit einem multiprofessionellen Team schon jetzt das Konzept mitzugestalten. Gesucht sind auch interessierte Eltern und Kinder. „Es ist sportlich, aber wir könnten zum Schuljahr 2020/2021 mit der ersten Klasse starten“, sagt Iris Wolf.